© Verein Kehrseite Winterthur

Die Lehren aus Winterthurs dunkler Vergangenheit

Nicht alles Wissenswerte über Winterthur kann man mit dem blossen Auge sehen. Deswegen bieten die Historiker_innen vom Verein Kehrseite erhellende Führungen zu den dunklen Seiten. Ihr neuestes Projekt ist wichtig für das Bewusstsein der Stadt.

Hier passierte einst ein grausamer Giftmord, dort fand ein packender Prozess statt: Winterthur hat nicht nur malerische Fassaden und romantische Gärten. Die Stadt hat auch eine lange und ereignisreiche Geschichte. Davon hat sich so manches offensichtlich im Stadtbild niedergeschlagen. Man denke nur an die archäologischen Fundstücke aus der Zeit der römischen Besiedlung. Oder die UBS-Filiale in der Stadthausstrasse, die als eine der Gründungsstätten der heutigen UBS den Wandel der Stadt zum Dienstleistungszentrum bezeugt.

Andere Spuren der Vergangenheit offenbaren sich nur dem Kennerblick, sind aber nicht weniger bedeutsam für die Entwicklung der Stadt. Den Historiker_innen vom Verein Kehrseite geht es genau um solche Orte. Und um die Menschen, für welche die normale Geschichtsschreibung wenig Platz hat. Sie wollen „thematisieren, worüber andere lieber schweigen: die Vergessenen, Ausgestossenen und die Abgründe unserer Stadt.“ Seit 2014 bieten sie Stadtführungen mit Wissenszuschlag an. Sie sind überzeugt: Nur wer die Abgründe Winterthurs kennt, kennt diese Stadt wirklich. In ihrem neuesten Projekt spüren sie den Verstrickungen Winterthurs mit dem Kolonialhandel nach. Ab Mai sollen dazu Führungen stattfinden. Bis Anfang Februar läuft eine Crowdfunding-Kampagne, welche die nötigen Mittel einbringen soll.

Aus den Irrungen der Geschichte lernen

Geschichte wird von Siegern geschrieben, heisst es. Entsprechend schmeichelnd fällt die Geschichtsschreibung häufig aus. Dabei sind es doch gerade die weniger schmeichelhaften Facetten der Vergangenheit, die früheren Irrwege und Misserfolge, die Schandtaten und Verbrechen, aus denen für die Zukunft zu lernen ist. Und es sind die Schicksale der Abgehängten und Ausgegrenzten früherer Zeiten, die uns eine Mahnung sein sollen. Schliesslich ist es noch gar nicht so lange her, dass Menschen aus unserer Stadt Unterdrückung und Ausbeutung unterstützen – eben durch ihre Teilnahme am Kolonialhandel.

Wieso ist das aktuell? Weil überall in Europa die Werte einer offenen und toleranten Gesellschaft in Bedrängnis geraten. Die Schweiz ist zwar ein Hort der Freiheit. Aber auch hier werden die Auseinandersetzungen schärfer, der Ton rauer. Es ist an der Zeit, sich die Bedeutung von Freiheit, sozialer Verantwortung und Toleranz anderen gegenüber wieder bewusst zu werden. Ein unverstellter Blick zurück kann dabei helfen.

Mahnung an Wirtschaft und Politik

Die Lehre aus der Vergangenheit muss lauten: Menschenverachtende Tendenzen müssen schon im Keim erstickt werden!

Diese Forderung richtet sich zum einen an die Wirtschaft. Gerade eine wirtschaftliche starke Stadt wie Winterthur muss sich immer wieder selbst fragen, ob ihre Geschäfte nicht nur Wohlstand in der Heimat, sondern vielleicht auch Notstand in der Ferne bringen. Die Forderung richtet sich aber auch an die Politik. Nur eine vorwärtsgewandte, fortschrittliche Stadtpolitik sorgt dafür, dass keine Bevölkerungsgruppe auf der Strecke bleibt und keine neuen dunklen Flecken entstehen.

Es braucht also ein hohes Mass an Sensibilität in Wirtschaft und Politik, und das schafft der Verein Kehrseite. Mit seinen Aufklärungsführungen setzt er dabei genau auf das richtige Medium: Stadtführungen in Winterthur sind so beliebt wie nie, seit 2013 gingen die Buchungszahlen um 40 Prozent nach oben. Ihr neuestes Projekt „Dunkle Geschäfte – Winterthur und der Kolonialhandel“ verdient deshalb bereits in der Finanzierungsphase die notwendige Unterstützung.

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